Nutzung des Schlosses in der 1.Hälfte des letzten Jahrhunderts
von Archivar Herrmann Gutbier, Langensalza

Im Jahre 1907 kaufte der Einwohner Oskar Becker, Bäcker- und Konditormeister, von den Erben des Prinzen von Ratibor und Corvey, das Schloss, machte dasselbe zum Ausflugsort für die Umgegend, richtete im Schloss selbst eine Konditorei und Cafe und eine Geflügelfarm mit Geflügelpark ein. Auf dem Plateau gab es mehrere kleine Hühnerhäuser mit verschiedenen Hühnerrassen zu besichtigen. Im großen Brutsaal wurden zwei Brutmaschinen aufgestellt. Dort wurden die Bruteier so eingelegt, dass die Küken am Wochenende zu den Besichtigungszeiten schlüpften. Für den Besuch im Geflügelpark wurde Eintrittsgeld erhoben und für Bruteier und für gesehene Hühnerrassen konnten Bestellungen abgegeben werden. Die Besucher in dem Geflügelpark waren meistens auch Gäste im daneben befindlichen Cafe.
Der strebsame Mann hatte infolge des Weltkrieges sein Geschäft schließen müssen, aber eifrig hat er sich bemüht, die Gebäude in einen würdigen Zustand zu bringen. Der tiefe Wallgraben wurde um einige Meter verfüllt und mit gärtnerischen Anlagen sowie Obstbäumen versehen. Es ist eine Freude, von der Brücke nach der Sohle des Wallgrabens zu schauen.
Ohne den der Landwirtschaft gewidmeten Hof zu betreten, kann man von der Brücke aus auf einer Treppe nach der hochgelegenen Terasse gelangen. Lauben am Rande derselben gewähren Schatten, den Einblick in den Wallgraben und den Ausblick nach der Dorfstraße. Unter einer Reihe Linden befinden sich Sitzplätze in größerer Zahl. Elektrische Lampen ermöglichen auch den Abendbesuch im Freien. Der Sommersaal, sowie ein größeres Zimmer, Weidmannsruh genannt, das ein Billard enthällt, nehmen Gäste bei kühler Witterung auf. Eine Treppe, überschattet von Weinranken, führt zum Heimatmuseum im sogenannten Turmsaal empor. Der überdachte Rest eines Rundturmes und der eines viereckigen Turmes schließen den Turmsaal ein.
Das Heimatmuseum ist eine Gründung des früheren Pfarrers August Ludwig, gegenwärtig Prediger in Jena, bekannt durch seine launigen Volksdichtungen.
Was gibt es da alles zu sehen: Zeichnungen, Bilder, alte Drucke, Handwerksbücher, Hausgerät, alte Waffen. Es gehört Zeit dazu, den Reichtum dieser Ausstellung zu erfassen.
Ein Rundgang durch die verschiedenen Schlossgebäude gewährt Überraschungen. Neu angelegt ist ein Weg, der den Burggraben in der Richtung nach der Mühle durchquert.
Der Betrieb der umfangreichen Landwirtschaft ist dem Besitzer eine Freude; dabei leitet er noch die Feinbäckerei und führt seine Jagdgäste in das Revier. Der sorglichen Bedienung der Gäste widmet die würdige und immer tätige Hausfrau Zeit und Mühe. Kein Wunder, dass die Badegäste der nahen Stadt Tennstedt das Herbslebener Schloss gern zum Ziele Ihrer Ausflüge nehmen und Goethe seinerzeit (1826) Herbsleben und das Unstruttal besucht.
Uns allen, die wir unsere schöne Heimat lieben, ist eine Genugtuung, zu wissen, dass dieser ehrwürdige Fürsten- und Rittersitz vor dem Verfalle bewahrt bleibt und, freilich mit erheblichen Kosten, in gutem baulichen Zustande erhalten wird. Es ist uns aber auch ein Genuss und gewährt uns reine Freude, an lauen Sommerabenden auf der Terrasse unter den blühenden Linden vor dem altersgrauen Gemäuer zu sitzen und zu lauschen, wie es in den Wipfeln raunt und flüstert aus längst vergangener Zeit.


Altes Schloss, als wilde Knaben
stiegen wir auf deine Hänge,
krochen durch die dunklen Gänge,
wollten dein Geheimnis haben.
Heut' jedoch als alte Knaben
Wandern wir zu deinen Linden,
wollen dort Erholung finden
an dem kühlen Trank uns laben.
(Roßbach)


Aus "Pflüger", Jahrgang 2 von 1925, Heft 2 mit geringfügigen Ergänzungen (Urquell-Verlag Erich Röth, Mühlhausen)